| Equilibrio
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Der 1946 geborene Thomas Schütz
verbrachte seine Schulzeit in Riehen
und Basel. Nach seiner
Fotografenlehre in Basel wurde er
Kameraassistent und Kameramann für
Dokumentarfilme. Seiner Heimat blieb
er immer verbunden – so befindet
sich in Riehen am Tiefweg auch eine
Brunnenskulptur, die öffentlich
zugänglich ist. Seine vielen
Künstlerportaits, u.a. von Mark
Rothko, Italo Valenti und vielen
anderen, die er als Kameramann des
Tessiner Fernsehens RTSI
erstellen durfte, brachten in an
viele Orte in Europa, Südamerika,
Mexiko, USA, Afrika, Japan und auch
China. Mit dem Wechsel zum Lighting
Design (direttore della fotografia
bei RTSI ) wuchsen immer mehr eigene
küstlerische Ideen, die er dann auch
auszuführen begann.
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| Bei Pierino
Selmoni konnte er das Handwerk der
Steinbearbeitung erlernen. Der Stein hatte
Thomas Schütz schon lange fasziniert, wird
doch dieses Material im Tessin, sei es
Gneis oder Marmor, schon immer bearbeitet. |
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| Thomas Schütz` wichtiges
Thema ist das Gleichgewicht – equilibrio.
Dieses Thema reizt er aus in allen seinen
Facetten. Es ist sozusagen der Rahmen, den
er sich selber gesetzt hat und den er
immer wieder auf verschiedenste Weise in
seinen Skulpturen verwirklicht. Es wird
nichts geleimt, alle Skulpuren sind "nur"
zusammengefügt und halten sich so im
Gleichgewicht. Immer handelt es sich um
zwei verschiedene Steinsorten,
unterschiedlicher geologischer und
geografischer Herkunft. Grundelemente sind
immer der Kreis und das Quadrat, die so
ineinander gefügt sind, dass jedes Element
das andere benötigt – nur gemeinsam als
Paar halten sie sich als ganze Skulptur.
Meistens muss ein Stein etwas dazu geben
oder weglassen, um sich in den
Anderen an - oder einzufügen,
aber das Gleichgewicht muss sein. Sogar in
hängenden Beispielen gilt diese Regel. So
wirken seine Werke stets leicht und
lebendig. |
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| Nach 2007, 2012 und 2021
stellt Tomas Schütz nun zu seinem 80.
Geburtstag in der Galerie Mollwo auch
dieses Jahr in Riehen aus. |
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| Andreas Chiquet |
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| Gegensätze. Thomas
Schütz liebt es, seine Skulpturen unter
freiem Himmel zu platzieren. Das kann
uns zunächst eine Harmonie von Natur und
Kultur vorgaukeln. Kunst erscheint im
Rahmen des Natürlichen aber auch
künstlicher als im menschengemachten
Gehäuse. Das Interesse an Gegensätzen
prägt das Werk des Bildhauers. Selten
paart er Verwandtes, viel näher liegt
ihm, Eckiges mit Rundem, Flaches mit
Voluminösem zu verbinden. Mit der
Materialwahl unterstreicht er diese
Maxime. Sämtliche seiner kühnen und
klugen Zwei-Einheiten sind aus
verschiedenem Gestein gefügt, mit
unverkennbarer Vorliebe für kräftige
Hell-Dunkel-Kontraste. Auch verkörpern
die Materialien oft extrem
unterschiedliche geologische
Entstehungsgeschichten. |
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| Verbindungen. Entsprechende
Prinzipien treten auch in der Art und
Weise hervor, wie er die zunächst
unvereinbar erscheinenden Elemente
zusammenfügt. Da gibt es keinen
schmiegsamen Paarlauf, keine smarte
Richtungskonvergenz, vielmehr geht
Schütz auch hier von der
Entgegensetzung aus. Mit
Vorliebe stellt er die Elemente quer
zueinander, über Kreuz, einander
durchdringend. Die Teile werden dabei in
eine Position gebracht, in welcher sie
sich allein gar nicht halten könnten.
Eine stabile Verbindung setzt oft eine
einschneidende Veränderung der einen wie
der andern oder beider Formen voraus.
Schlitze und Bohrungen ermöglichen erst
die gegenseitige Stabilisierung, die
Überblattung, die Verzapfung, den
Stufen- oder Kreuzkamm. Jeder Teil muss
etwas von seiner geschlossenen Ganzheit
auftun, um über sich hinaus eine neue
Verbindung möglich zu machen. |
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| Erfindung. Alle
von Schütz verwendeten geometrischen
Grundformen haben selbstverständlich
eine reiche kulturelle Tradition, sei es
auf technischer oder symbolischer Ebene;
dem kann nicht viel hinzugefügt werden.
Neue Erfindungsqualität hingegen wird im
zweckfreien Bereich der Imagination
möglich. Wie macht man aus einem
Dreiecksprisma einen Tisch, wie hindert
man eine Kreisscheibe am Umfallen, wie
einen Schnitz am Schaukeln? Solche
Problemstellungen mögen absurd und
gesucht erscheinen, dennoch generieren
sie gerade darin Modelle dafür, wie
scheinbar Unmögliches möglich gemacht
werden kann. Vordergründig geht es um
die Überwindung der Schwerkraft, der
Fatalität physikalischer
Gesetzmässigkeit. |
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| Sinnzeichen. Das
Zweckfreie allerdings ist alles andere
als sinnlos. Schütz macht Sinn, der
zuvor nicht da war. In elementaren
Konstellationen zeigt er, wie sich der
Ausdruck einer Form verändert, indem er
diese – künstlich-kunstvoll – in
eine ungewohnte, unzweckmässige Lage
bringt. Der Alltagsgebrauch der Dinge
verwehrt uns diese
Wahrnehmungsverschiebung: Droht ein Glas
vom Tisch zu rollen, so stellen wir es
in den Senkel, ohne zu zögern und ohne
diese Aktion ästhetisch zu reflektieren.
Schütz hingegen bringt seine
Gestaltungselemente explizit in prekäre
Lagen, um diese gerade darin stützend zu
sichern und sie – jenseits äusserer
Funktion und tradierter Symbolik – zu
Sinnzeichen zu machen. Es eröffnet sich
ein weites Spektrum von Varianten des
Zusammenspiels. Die Teile halten sich
dienend im Gleichgewicht eines neuen
Ganzen, nie ist das eine dem anderen nur
Sockel. |
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| Beziehung. Ohne
einzelne Arbeiten deuten zu wollen,
birgt dieses, das Werk von Thomas Schütz
kennzeichnende Prinzip des Verbindens
von Gegensätzlichem, eine zutiefst
humane Dimension. In einem seiner
Hauptwerke Urdistanz und
Beziehung beschreibt der
Philosoph Martin Buber, wie der Mensch
erst am Du zum Ich wird. Erzeugt das
Erkennen des Anderen in seinem
Anderssein zunächst Distanz, so
ermöglicht erst diese den Akt des
In-Beziehung-Tretens den Dialog. Im
Dialogischen wächst der Mensch über das
Für-sich-Sein hinaus. So gesehen zeigen
die Konstellationen des Bildhauers Abhängigkeit in
einem neuen, durchwegs positiven Sinn:
Im Sosein ihrer jeweiligen Wirkung
könnten sie ohne den Antagonisten gar
nicht in Erscheinung treten – das Ganze
ist offenkundig mehr als die Summe
seiner Teile. |
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